Italienische Malerei 1300–1800

Die Staatsgalerie Stuttgart zählt zu den Museen in Deutschland, die ihren Besuchern eine beträchtliche Zahl auch von Werken der italienischen Malerei präsentieren können. Gleichwohl ist in der Schausammlung mit etwa einem Drittel aller italienischen Gemälde eine nur knappe Auswahl zu sehen. Der Gesamtbestand der Sammlung verteilt sich auf eine kleine Gruppe von frühen gotischen Tafelbildern, auf einige Werke der Renaissance wie des Manierismus und mit über der Hälfte aller Gemälde aber vor allem auf eine beeindruckende Sammlung von Werken des 17. und des 18. Jahrhunderts. Bis beinahe unmittelbar in die Gründungszeit der Staatsgalerie reichen auch die Anfänge der heutigen Italienersammlung der Staatsgalerie Stuttgart zurück, wobei sie ihr eigentliches Zustandekommen in gewisser Weise auch der Pleite um den Boisserée-Ankauf zu verdanken hat.

Allein wegen dieses barocken Schwerpunktes könnte man vermuten, es handle sich in Stuttgart um eine jener traditionsreichen Sammlungen nördlich der Alpen, die sich auf die Bilderleidenschaft eines barocken Landesherrn gründet. Ein solch enthusiastischer Gemäldesammler aber wie etwa noch August III. in Dresden oder der Mainzer Fürstbischof Lothar Franz von Schönborn war hierzulande der zwar auf Repräsentation bedachte und in seinen Kunstbestrebungen »barock merkantilistisch« denkende Herzog Carl Eugen von Württemberg (reg. 1744 – 1793) nie. Doch konnte im Jahre 1736 für Schloß Ludwigburg die über 400 Werke zählende Bildersammlung des Grafen Gustav Adolf von Gotter (1692 – 1762) erworben werden, die alsbald einen wichtigen Grundstock der Galerie bildete. Aus ihr stammen jedoch nur einige wenig nennenswerte Gemälde italienischer Meister.

Ohne Wirkung auf den Erwerb italienischer Gemälde für die herzogliche Galerie in Ludwigsburg blieb ebenso die kurze Episode der Hohen Carlsschule, die der 1761 gegründete Académie des Arts gefolgt war. Die Situation um den damaligen Hofmaler, Akademieprofessor und den zugleich herzoglichen Gemäldegaleriedirektor Nicolas Guibal war maßgeblich von der Richtung der Klassikdoktrin eines Mengs und Winkelmanns geprägt. Dies blieb in Stuttgart in den Zeiten des ehemaligen Galerieinspektors Dannecker und auch bis in die unmittelbar folgenden Generationen hinein deutlich spürbar. Doch bahnten sich allmählich neue bürgerliche Vorstellungen in Richtung auf eine öffentliche Gemäldesammlung ihren Weg, der 1843 in die erstmalig in diesem Jahr auch so benannte »Staatsgalerie« mit einem neuen Gebäude an der Neckarstraße führte.

Noch bis heute verbindet sich mit dieser Epoche lokaler Museums- und Ankaufsgeschichte der gleichsam traumatische Verlust der damals noch hier in Stuttgart befindlichen und viel gerühmten Sammlung der Brüder Boisserée. Es ist aber wohl den gleichen Erwägungen, welche letztendlich diese hochkarätigen Bilder früher niederländischer und altdeutscher Meister vertrieben haben, zuzuschreiben, dass noch bis in die 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts auch kaum italienische Gemälde erworben wurden. In den unruhigen Zeiten des Vormärz schmückte der damalige König seine eigenen herrschaftlichen Gemächer mit soldatisch zielsicherem Geschmack lieber mit pikant gemalten Odalisken. Der Auszug der Boisseréeschen Heiligen aus dem ehemaligen Offizierspavillon an der Königstraße ins katholische München hatte nach 1827 in Stuttgart ein beinahe leeres Gebäude mit puritanisch kahlen Wänden hinterlassen. Vor dem Hintergrund auch schon damals aufkommender Debatten um den Kulturstandort Stuttgart galt es, diese vertane Chance einigermaßen zu kompensieren.

Tatsächlich hatte man sich auch bereits in den Jahren zuvor mit dem gelegentlichen Erwerb von Gemälden der berühmtesten italienischen Meister gewissermaßen auf Neuland vorgewagt. Im Jahre 1852 bot sich mit dem Ankauf einer Privatsammlung, nämlich der venezianischen Pinacoteca Barbini-Breganze mit ihren beinahe 250 überwiegend italienischen Gemälden eine entscheidende Weichenstellung für die Zukunft.

Nachdem erstmalig kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert Kunsthistorikern die Leitung der Sammlungen übertragen worden war, verlor sich ganz allmählich auch in Stuttgart der Geschmack der Klassizisten, der lange den Ankauf von Gemälden beeinflusst hatte, so dass im Laufe der Zeit auch andere Erwerbungsakzente gesetzt werden konnten. Zu erwähnen ist das großzügige Vermächtnis von Dr. Hermann Scheufelen aus dem Jahre 1948, dem auch die italienische Sammlung einen erheblichen Zuwachs an qualitativ bedeutenden Gemälden zu verdanken hat. Unter den insgesamt 31 italienischen Bildern sind vor allem die Werke barocker Maler nennenswert: In dem durch die Sammlung Barbini-Breganze bereits schwerpunktmäßig vorgegebenen Epochenrahmen konnten Bilder von Strozzi, Celesti, Maffei oder Grassi und allein die drei Gemälde von Luca Giordano den vorhandenen Bestand ebenso bereichern wie die Werke einiger Renaissancemaler.

Die Tatsache, dass die heutige Sammlung italienischer Malerei selbst noch in den letzten Jahrzehnten durch respektable Ankäufe enorme Zuwachsraten verzeichnen konnte, ist wohl in erster Linie auf das kluge Engagement von Regierung und Landtag in Baden-Württemberg zurückzuführen, das seit 1958 dem Museum durch die Zuweisung von Erträgen aus Toto und Lotto bedeutende Kunstankäufe finanziell erst ermöglicht hat.

Dieser Ankaufserfolg der letzten 30 Jahre ist aber auch ein wesentlicher Verdienst der in diesem Zeitraum amtierenden Direktoren. Eigentlich erst in der Nachkriegszeit und mit einer sinnvollen Erwerbungspolitik, deren Fortführung man sich auch für die Zukunft wünschen darf, hat das Museum – oft bei Ankäufen der Moderne gegen heftigste Widerstände kämpfend – sich von manchen lokalen Nachwehen des Stuttgarter Bildungsklassizismus' befreien können. Auf die Qualität der Ankäufe in allen Sammlungsbereichen der Staatsgalerie hat sich dies positiv ausgewirkt. Die Anzahl nur der in diesem Zeitraum erworbenen italienischen Gemälde konnte sich auf diese Weise quantitativ fast der Größenordnung der Gründersammlung Barbini-Breganze annähern, qualitativ aber wurde die Sammlung der italienischen Malerei in der Staatsgalerie zu einer der bedeutendsten ihrer Art in Deutschland.

Einige angebliche Werke Michelangelos, Andrea del Sartos, Tizians, Peruginos, gar Carraccis und Renis schmückten alsbald die Galerie. Von den in dieser Zeit erworbenen Bildern italienischer Herkunft verzeichnet das Museum noch heute – wenn auch nicht mehr unter so klangvollen Namen – etwa 50 Werke, von denen Fra Bartolomeos Fragmente mit der »Marienkrönung« und Mattia Pretis Großformat »Christus und die Kanaaniterin« die wohl bedeutendsten Gemälde sind.

Mit dem Ankauf der Pinacoteca Barbini-Breganze, in der neben Werken der Renaissance und des Manierismus aber mit allein 60 % Anteil vor allem Gemälde des Barock und des Rokoko vertreten waren, wurde bereits damals – für die Zeit außergewöhnlich, aber sozusagen richtungsweisend für zukünftige Erwerbungen – der noch heute sichtbare Schwerpunkt der italienischen Sammlung gesetzt.

Anlässlich seines eigenen Geburtstages war diese vom König Wilhelm I. der Stuttgarter Galerie zum Geschenk gemacht worden. Selbst Sulpiz Boisserée, der von den seltsamsten Entdeckungen alter übermalter Bilder gehört hatte, die damals bei Restaurierungen in Stuttgart zum Vorschein gekommen seien, war aus München angereist, um diese Gemälde zu sehen: Werke Giovanni Bellinis und Vittore Carpaccios, Pietro della Vecchias »Zinsgroschen«, Renieris »Vanitas-Pandora«, Strozzis »Hl. Katharina« und nicht zuletzt Giamattista Tiepolos Entwurf für das Deckenfresko der Würzburger Residenz entstammen dieser Sammlung, die noch heute mit ihren insgesamt 195 Bildern den größten Komplex innerhalb der Sammlung der italienischen Malerei bildet. Darin stellen die oberitalienischen Meister und namentlich die Venezianer – verständlicherweise wegen der Herkunft der Sammlung – mit drei Vierteln aller Gemälde einen verhältnismäßig hohen Anteil dar.

Zum ersten Mal im Jahre 1862 wurde aus dem Kunsthandel ein qualitätvolles gotisches Tafelbild mit der Darstellung der Vision des Kaisers Augustus erworben, welches man aufgrund der Signatur für ein Werk Paolo Venezianos hielt. Damit war nahezu eine Generation später, als in Altenburg durch Bernhard August von Lindenau, in Köln mit Johann Anton Ramboux oder in München unter dem König Ludwig I. bereits frühitaliensche Tafelbilder begeistert gesammelt worden waren, ein ebensolches Gemälde auch nach Stuttgart gelangt, das lange Zeit bis 1948 in der Galerie das einzige Gemälde dieser frühen Stilepoche italienischer Malerei blieb. So ist der inzwischen recht bemerkenswerte Anteil nicht einer der Höhe der Wiederentdeckungszeit entsprechenden Sammelleidenschaft zu danken. Diesem Bereich der italienischen Malerei ist in Stuttgart erst über 100 Jahre später eine größere Aufmerksamkeit gewidmet worden und dennoch konnte auch hier eine recht bedeutende Sammlung entstehen.

Der bis dahin noch recht bescheidene Bestand hat zunächst durch das Vermächtnis Scheufelen mit den beiden Altarbildfragmenten Rosello di Jacopo Franchis und dem kleinen Tafelbild aus dem Umkreis Bernardo Daddis einen nennenswerten Zuwachs erfahren. Für den weiteren Ausbau waren aber vor allem zwei Faktoren maßgeblich, die beide mit ein und derselben Person zu tun hatten: Im Jahre 1950 erfolgte mit der ersten, auch international viel beachteten Nachkriegsausstellung über die »Frühe italienische Tafelmalerei« eine ganz entscheidende Weichenstellung.

Der damalige Vorsitzende des Galerievereins, Gerhard Freiherr von Preuschen, unter dessen Federführung die Ausstellung stattgefunden hatte, wurde zu einem der wichtigsten Befürworter dieses jungen Stuttgarter Sammelgebietes. Durch einige spektakuläre Ankäufe konnte der vorhandene Bestand auf ein recht beachtliches Niveau gehoben werden: Mit dem gemalten Kruzifix eines Florentiner Meisters und vor allem mit den beiden so genannten Erbach'schen Tafeln, an Giottos verschollene Darstellungen in Neapel erinnernde Apokalypseszenen, wurden bedeutendste Werke dieser Epoche nach Stuttgart geholt. 1971 gelangten dann mit dem Vermächtnis des Freiherrn von Preuschen allein weitere 36 frühitalienische Tafelbilder in den Besitz der Galerie, die allerdings erst 1993 nach dem Tode seiner Witwe nach Stuttgart geholt werden konnten. Zu den bedeutendsten Gemälden aus dieser Sammlung zählen vor allem Giovanni di Paolos »Hl. Christophorus«, eine große Madonnentafel Spinello Aretinos und Niccolò di Segnas Täfelchen mit den drei weiblichen Heiligen.

Unter den deutschen Gemäldesammlungen vergleichbarer Größe besitzt die Staatsgalerie Stuttgart die meisten italienischen Barockbilder. Obwohl manche große Namen wie Caravaggio, Reni, Guercino, Piazzetta oder Guardi nicht vertreten sind, zeigt sich der höchst individuelle Charakter gerade dieser Sammlung aber vor allem in jenen Werken, die in anderen Museen nur äußerst selten oder gar nicht zu finden sind, etwa in den Gemälden eines Crosato, Faccini, Falciatore oder einem Werk Traversis, das erst kürzlich erworben wurde. Ebenso zu erwähnen sind die Gemälde Magnascos, Amigonis und Crespis, oder auch Canalettos Ansicht der Brentastadt Dolo, die als Stiftung der Firma Daimler Benz zum 150-jährigen Gründungsjubiläum der Staatsgalerie Stuttgart in das Museum gelangte.

Allein die Anzahl von etwa 167 Gemälden, welche in den letzten 34 Jahren als Neuzugänge in der italienischen Sammlung ob als Leihgabe, aus Stiftungen und Vermächtnissen oder durch Ankäufe zu verzeichnen sind, macht die positive Auswirkung des erwähnten Regierungsbeschlusses auf die gesamte Erwerbungsbilanz deutlich. Nicht alle Ankäufe dieses Zeitraums lassen sich hier aufzählen. Das Gewicht der Erwerbungen nach den 1970er-Jahren lag jedoch gemäß der vorhandenen Sammlungsstruktur auf Werken des Barock und des Rokoko. [ Rv ]

Bitte beachten Sie

Bei rund 5.000 Gemälden & Plastiken, 400.000 Graphiken und rund 150.000 Archivalien können wir selbstverständlich immer nur eine Auswahl unserer Werke präsentieren. Daher kann es durchaus vorkommen, dass Sie ein bestimmtes Werk bei Ihrem Besuch nicht ausgestellt finden, auch wenn es hier zu sehen ist. Falls Ihr Besuch im Museum nur einem bestimmtem Werk gilt, informieren wir Sie gerne vorab unter 0711 . 470 40-250 oder per E-Mail.

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