Mit der 1859 erworbenen Sammlung des Stuttgarter Obertribunalprokurators Karl Gustav Abel gelangten während des 19. Jahrhunderts wichtige Werke altschwäbischer Malerei vom Meister der Sterzinger Altarflügel, von Bartholomäus Zeitblom und Bernhard Strigel in die Staatsgalerie. Zu den nennenswerten Zuwächsen zählt auch der Erwerb dreier Gemälde aus der 1865 veräußerten Sammlung des Tübinger Theologieprofessors und späteren Domdekans Hirscher - darunter der »Heilige Benedikt im Gebet« des Meisters von Meßkirch. Doch erst im 20. Jahrhundert ist die Altdeutsche Sammlung der Staatsgalerie entscheidend erweitert und damit ihrer heutigen Bedeutung zugeführt worden.
Ein besonderes Verdienst kam beim Ausbau der Sammlung altdeutscher Malerei Konrad Lange zu, der nur sechs Jahre - von 1901 bis 1907 - der Galerie als Direktor vorstand. Dank seiner Initiative wurden nicht allein so wichtige Werke wie das Bebenhausener Tympanonbild, der Mühlhausener Flügelaltar und der Ehninger Altar - um nur einige Beispiele zu nennen - erworben, sondern auch zahlreiche Gemälde aus königlichem und kirchlichem Besitz der Galerie überstellt. Da Etatmittel und Marktsituation eine auf die gesamte Breite altdeutscher Malerei angelegte Sammeltätigkeit ausschlossen, galt Langes Interesse der Profilierung und Akzentuierung des altschwäbischen Bestandes. Die nach dem Zweiten Weltkrieg erworbenen Werke vom Meister des Ulmer Hochaltars, von Hans Schäufelein, Hans Holbein d. Ä., Lucas Cranach d. Ä. und Christoph Amberger machen deutlich, wie zukunftsweisend der von Lange eingeschlagene Weg war.
Der Ausbau der Altdeutschen Sammlung wurde durch das Engagement des Stuttgarter Galerievereins nachhaltig unterstützt, konnte dieser doch so exemplarische Werke wie eine Tafel vom Meister der Darmstädter Passion und den - später an die Staatsgalerie veräußerten - »Schmerzensmann« von Hans Baldung, genannt Grien, für das Museum sichern. Private Stiftungen trugen zur Qualifizierung des Bestandes bei. Besonders ist auch das Vermächtnis des 1948 verstorbenen Industriellen Dr. h. c. Heinrich Scheufelen zu nennnen, mit dem - neben zahlreichen barocken Gemälden - eine Reihe von altdeutschen Werken ins Haus kam.
Heute vermögen die fünf Räume der Sammlung einen umfassenden Überblick über die altschwäbische Tafelmalerei zu geben. Ihr Anfang ist identisch mit der Veränderung liturgischer Gepflogenheiten, durch die das bewegliche Altarbild gegenüber der bislang dominierenden, eng mit der Architektur verbundenen Wandmalerei zunehmend an Bedeutung gewann. Ihr Ende wird bestimmt durch die - schließlich in den 30-jährigen Krieg mündenden - politischen und religiösen Unruhen, welche schon um 1550 nahezu die gesamte Kunstproduktion zum Erliegen brachten. Als sich die Kunsttätigkeit im deutschsprachigen Raum nach 1600 wieder zu regen begann, hatte sie die künstlerischen Probleme analog den veränderten Voraussetzungen neu zu definieren. Die erarbeiteten Lösungen unterscheiden sich so sehr von jenen der vorangegangenen Zeit, dass in ihnen der Anfang einer neuen Epoche zu sehen ist, die ihren Höhepunkt erst im 18. Jahrhundert erreichen sollte.
In seinen topographischen Ausmaßen erstreckte sich das Herzogtum Schwaben vom - jetzt bayerischen - Gebiet westlich des Lechs bis zum Bodenseeraum. Kulturell führend waren die meist reichsfreien Handelsstädte wie Nördlingen, Ulm, Memmingen und Augsburg, in denen die verschiedenen Werkstätten ein reiches Betätigungsfeld fanden. Nicht Adel und Kirche, sondern ein wirtschaftlich erstarktes Bürgertum verstand sich als Förderer der Künste und trat als wichtiger Auftraggeber in Erscheinung. Sein Engagement galt vornehmlich der Ausschmückung von Kirchen und Kapellen, und so verdanken auch zahlreiche Altäre der Staatsgalerie ihr Entstehen privaten Stiftern.
Dem auf der Altarmensa stehenden - bemalten oder reliefverzierten - Altarretabel kam im Laufe des 14. Jahrhunderts als Mittelpunkt der Kirchenausstattung eine immer größere Bedeutung zu. Die Erweiterungen des ikonographischen Programms sowie die zunehmend reichere künstlerische Ausgestaltung führten schließlich zum so genannten Wandel- oder Flügelaltar, bei dem das feststehende - oft auch geschnitzte - Mittelstück von zwei, vier oder sechs zumeist beidseitig bemalten, beweglichen Seitenflügeln flankiert wurde. Durch Öffnen und Schließen der Tafeln konnte das Bildprogramm dem Wechsel des Kirchenjahres angepasst und dieser den Gläubigen anschaulich nahe gebracht werden.
Die Staatsgalerie sieht sich in der glücklichen Lage, einige Altäre in vollständiger oder dem originalen Zustand angenäherter Form präsentieren zu können, so den Flügelaltar aus Mühlhausen, den Ehninger Altar und Jerg Ratgebs monumentales Wandelretabel. Die Werke sind jedoch, wie in allen Museen, aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und als Einzeltafeln zu Galeriebildern geworden.
Die Funktion des Altarbildes bestand darin, die Heilsgeschichte zu veranschaulichen. Damit trug es einerseits zum Lob Gottes und der Heiligen bei, andererseits ersetzte es schriftunkundigen Laien Bibel und Legende. Darüber hinaus konnte der Altar zum Andachts- oder Fürbittbild des Stifters werden, der sich nicht selten - verkleinert zwar und in deutlicher Abgrenzung vom Heilsgeschehen - im Bilde darstellen ließ. Diese Stifterbilder gehören zu den frühesten Zeugnissen der Porträtmalerei, die sich im Laufe des 15. Jahrhunderts verselbstständigen sollte. Aufgabe dieser Gattung war es, das Erscheinungsbild einer bestimmten Person zu vergegenwärtigen und ihm - über die Lebenszeit des Dargestellten hinaus - dauerhafte Präsenz zu verleihen. Die Porträtmalerei entfaltete sich im Zuge eines kultur- und geistesgeschichtlichen Wandels, welcher, die mittelalterlichen kollektiven Gemeinschaften aufbrechend, eine neue, positive Wertung des Individuums herbeiführte. Die Möglichkeit einer persönlichen Schicksalserfahrung sowie das Wissen um Eigenverantwortlichkeit förderten das Selbstbewusstsein des Menschen und ließen ihn in seiner individuellen Erscheinung bildwürdig werden. [ EW ]
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